Hintergrund

Reiner Braun: Die Thomasmesse. Liebeserklärung an eine Gottesdienstform. In: ThBeitr 46 (2015), 96-110.

 

Hier der Text.

 

Die Thomasmesse

 

Liebeserklärung an eine Gottesdienstform

 

 

 

Reiner Braun ______________________________________________________________________________________

 

 

 

Die Thomasmesse zeichnet sich unter vielen anderen Gottesdienstformen dadurch aus, dass die Gäste eingeladen sind, während eines offenen Teils verschiedene geistliche Angebote wahrzunehmen, zu denen sie unterschiedliche Plätze in der Kirche aufsuchen können.

 

Ein solcher Gottesdienst ist am 10. April 1988 zum ersten Mal in Helsinki/Finnland gefeiert worden,[1] passenderweise am Sonntag Quasimodogeniti, dem das Evangelium von der Begegnung des Auferstandenen mit Thomas (Joh 20,19–29) zugeordnet ist; der Skeptiker im Jüngerkreis hat dem Gottesdienst seinen Namen gegeben.

 

Seither hat die Thomasmesse in Deutschland und der Schweiz[2] vielfach Nachahmung gefunden, zumeist in Städten, vereinzelt auch auf dem Land.[3] Ein Netzwerk verbindet die verschiedenen Initiativen miteinander und unterhält den Internet-Auftritt www.thomasmesse.org.[4] Nach außen firmieren viele Thomasmessen unter demselben Logo, das Roland Arndt für den Gottesdienst in Winsen an der Luhe geschaffen hat.[5] [Logo hier abdrucken]

 

Zahlreiche Publikationen sind inzwischen zur Thomasmesse erschienen: Aufsätze, die sich v. a. auf lokale Erfahrungen beziehen,[6] praxisorientierte Buchbeiträge[7] und ein Handbuch;[8] auch im Ergänzungsband des Evangelischen Gottesdienstbuchs wird sie genannt.[9] Alle Publikationen, die ich gefunden habe, sind um die Jahrtausendwende herum entstanden, die jüngste 2007.[10] Was bedeutet das? Ist nun alles über die Thomasmesse gesagt? Oder hat das Interesse an ihr nachgelassen, wie überhaupt gerade die Begeisterung für Eventgottesdienste abebbt?[11]

 

Wie auch immer – die Thomasmesse hat als Zweitgottesdienst Zukunft! Das ist meine These, die ich im Folgenden zu begründen versuchen möchte, und zwar in Form einer Liebeserklärung – schon damit ich eine Entschuldigung habe, wenn ich hier und da ins Schwärmen komme.

 

Zunächst will ich unsere Thomasmesse in Dautphetal beschreiben, im Vergleich zu anderen Initiativen, um dann die Stärken dieser Gottesdienstform herauszuarbeiten, mit besonderem Blick auf die Milieuforschung.[12]

 

 

 

 

 

1. Die Thomasmesse im Dautphetal

 

 

 

1.1 Rahmenbedingungen

 

Seit 1998 habe ich selbst eine Beziehung zur Thomasmesse. Die Initialzündung war der Film von der Ur-Thomasmesse in Helsinki.[13] Als Vikar, als Pfarrer im Ehrenamt, als Pfarrvikar und als Pfarrer habe ich diese Gottesdienstform in unterschiedlichen Gemeinden eingeführt und mitgestaltet. Die meisten Thomasmessen haben in den letzten zwölf Jahren im Kirchspiel Dautphe stattgefunden,[14] einer Landgemeinde in einer historisch von der Erweckung geprägten Region, die aber industriell bedingt eine für ländliche Verhältnisse vergleichsweise große Fluktuation unter der Bevölkerung aufweist und eine recht gleichmäßige Verteilung der Sinus-Milieus.[15]

 

Im Vergleich zu anderen Thomasmessen, wie etwa in Nürnberg,[16] ist unsere weniger meditativ gestaltet, sondern mehr im Stil eines Jugendgottesdienstes.[17] Dabei ist die Zielgruppe keineswegs auf Jugendliche eingeengt! Während andere Initiativen ökumenisch getragen sind, wird unsere im Wesentlichen von Mitgliedern unserer Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde verantwortet, wobei durchaus Mitglieder aus Freikirchen und Katholischer Kirche zu den Gästen gehören und punktuell mitarbeiten.

 

Unsere Thomasmessen finden jeweils an Sonntagabenden von 18 bis etwa 19.30 Uhr statt, die meisten in einer modernen, bestuhlten, gerade 50 Jahre alten Kirche, einzelne in der mittelalterlichen Kirchspielskirche. Diese hat sich jedoch nicht wirklich bewährt, da es dort nur sehr wenige Möglichkeiten gibt, um Stationen für den Offenen Teil aufzubauen, die auch von Menschen mit körperlicher Einschränkung gut aufzusuchen sind. In den Anfangsjahren haben wir bis zu fünf Thomasmessen jährlich gefeiert, nach einer Krise im Team beschränken wir uns auf zwei, liegt doch der Aufwand – je nach Engagement und Ausstattung – bei drei bis zehn Stunden für Ehrenamtliche und bei geschätzten zehn bis zwanzig Stunden für die Leitung.

 

Die Zahl der Gäste liegt bei durchschnittlich sechzig, wobei achtzig angesichts der Größe unserer Kirche das Höchstmaß ist. Die Gäste kommen zu einem Teil aus der Gemeinde, zu einem in etwa ebenso großen Teil aus der Region; einzelne nehmen eine Anfahrt von fünfzig Kilometern in Kauf.

 

 

 

1.2 Gestaltung

 

Einige Elemente wird man auch in anderen Zweitgottesdiensten finden;[18] anderes ist typisch für die Thomasmesse.

 

 

 

1.2.1 Vor Beginn

 

Die Gäste haben durch den Gemeindebrief, die Presse, eines der an den Ortseingängen aushängenden Schilder, die Homepage, den Newsletter oder Soziale Netzwerke im Internet von der Thomasmesse erfahren.

 

Beim Ankommen werden sie am Eingang der Kirche freundlich begrüßt und dabei, wenn möglich, schon in irgendeiner Form auf das Thema eingestimmt. Als es um das Thema ging „Kirche – Komm, geh fort!“, begrüßte ein lebendiges „Kirchi“ – frei nach Tiki Küstenmacher[19] – die Gäste: Eine junge Frau trug das Kirchenschiff wie einen Rucksack auf dem Rücken und auf dem Kopf eine Kirchturmspitze mit Hahn. Als es um das Thema „Umwege“ ging, war der Haupteingang von innen mit Pappe zugeklebt – und alle wurden durch die Sakristei in die Kirche umgeleitet, natürlich immer von freundlichen Teamern begleitet. Diese überreichen den immer neu aktualisierten Handzettel, der das Programm und die Stationenauswahl (siehe unten) enthält.

 

Der Kirchenraum ist dem Thema entsprechend karg oder üppig ausgeschmückt; oft mit schönen Tüchern und Kerzen. So standen bei der Frage „Wohin mit dem Müll meines Lebens?“ mehrere große (unbenutzte!) Mülltonnen in der Kirche sowie etwa hundert kleine Modell-Mülleimer – zum späteren Mitnehmen, gesponsert durch den regionalen Abfallentsorger. Beim Thema „Stürme des Lebens“ waren die Stühle – gut, dass wir in unserer Kirche keine Bänke haben! – in Form eines Bootsrumpfes gestellt, mit Mast und Anker, natürlich. Beim Thema „Neid“ standen neben den üblichen Stühlen wenige besonders bequeme Sessel; wer dort Platz nahm, wurde mit einem alkoholfreien Cocktail begrüßt – alle anderen nicht.

 

Die etwa fünfzehn aktiven Teamer[20] tragen Bronzekreuze an Lederbändern; der Ordinierte, der den Gottesdienst leitet, eine Albe mit Stola.

 

 

 

1.2.2 Erster Teil: Einstieg, Begrüßung, Eröffnung, Gebet, Predigt

 

Auch der Einstieg, der allererste Teil des Gottesdienstes, bemüht sich um Ästhetik und Leidenschaft, je nach Thema auch um Humor. Das kann ein Anspiel sein oder auch Musik, mit Fotos unterlegt. Daraufhin entfaltet ein Teamer das Thema mit den jeweiligen Herausforderungen, möglichst aus der Sicht von Suchenden und Zweiflern.

 

Die Lieder sind sorgfältig ausgewählt: Inhaltlich sollen sie „nicht zu steil“ beginnen, damit die abgeholt werden, die sich eher zu den Suchenden und Zweiflern zählen. Chöre und Bands bereichern gastweise das musikalische Angebot.

 

Die Predigt ist um Kürze und Würze, aber auch um Anschauungsmaterial bemüht, seien es Gegenstände oder Präsentationen. Einmal haben wir mit der Methode des Bibliologs experimentiert, der die Beteiligung der Gäste auch an dieser Stelle ermöglicht.[21] Allerdings war die Resonanz überwiegend negativ; viele empfinden es doch als angenehm, das Evangelium in einer kurzen, prägnanten, anschaulichen Predigt zugesprochen zu bekommen und nicht auch dabei aktiv beteiligt zu sein.

 

 

 

1.2.3 Zweiter Teil: Offener Teil mit Stationenangebot

 

Der Übergang zum Offenen Teil, der die Thomasmesse charakterisiert und bei uns etwa fünfundzwanzig Minuten dauert, wird von einem Teamer ermöglicht. In seiner Moderation stellt er die verschiedenen Stationen vor, die den Gästen offen stehen. Dabei hat er diejenigen Gäste besonders im Blick, die zum ersten Mal gekommen sind. Auch weist er darauf hin, dass der Offene Teil zum Gottesdienst dazugehört und bittet darum, auf Gespräche zu verzichten.

 

Das Stationenangebot unterteilt sich, in „Dauerangebote“ (liturgisch gesprochen: „Ordinaria“) und „Sonderangebote“ („Propria“).

 

 

 

1.2.3.1 Dauerangebote

 

 „Dauerangebote“ sind die Stationen, die wir in jeder Thomasmesse anbieten, aber dem Thema entsprechend unterschiedlich gestalten:

 

wSegnung am Altar unter Handauflegung, nach einem kurzen Gespräch über besondere Anliegen und persönlicher Fürbitte, evtl. verbunden mit dem Zuspruch einer biblischen Verheißung auf einem Kärtchen, evtl. auch mit Salbung.

 

wBeichte: Laminierte Zettel führen durch die Beichte. Zuerst schreibt man – mit wasserlöslicher Tinte – auf, was das Gewissen belastet. Dann betet man ein vorgegebenes Beichtgebet im Stillen für sich. Auf der Rückseite stehen zwei biblische Absolutionsworte. Als äußeres Zeichen der Vergebung dreht man den Zettel wieder herum, taucht ihn ins Taufbecken und sieht, wie sich die Schrift auflöst. Die Zettel laden alternativ ein, an der Segensstation die Einzelbeichte in Anspruch zu nehmen.[22] – Die Beichte ist übrigens fester Bestandteil auch der Thomasmesse in Helsinki, wo sie in Gestalt der Einzelbeichte vor Beginn ihren Ort hat, als allgemeine Beichte dann im Eingangsteil;[23] in Deutschland wird eher selten dazu eingeladen.

 

wKlagemauer, die aus Hohlblock-Steinen mit vielen Luftschlitzen besteht und inzwischen eine Vielzahl von Briefen enthält; um Anonymität zu gewährleisten, steht Klebstoff bereit, der großflächig auf die fertigen Briefe aufgebracht werden kann.

 

wFürbitten, die auf Zettel in den drei Ampelfarben aufgeschrieben werden: Vornamen von Menschen, für die man beten möchte auf grüne Zettel, und allgemeine Anliegen auf gelbe. Diese Zettel werden nach dem Offenen Teil in der Thomasmesse von Teamern vorgelesen. Persönliche Anliegen auf roten Zetteln nehmen die Teamer in den folgenden Wochen in ihr persönliches Gebet hinein.

 

wKleinere Angebote: Thomaskarte (Gruß aus der Thomasmesse an jemanden, der einem gerade wichtig ist), Thomasbuch (Gästebuch mit der Möglichkeit, Rückmeldungen zu notieren) sowie die von Andreas Felger illustrierte Lutherbibel zur Schrift- und Bildbetrachtung.

 

wWährend des offenen Teils läuft Musik vom Band, schon um ein Mithören dessen unmöglich zu machen, was an der Segensstation gesprochen wird. Der Flyer lädt ein, einfach sitzen zu bleiben und der Musik zu lauschen.

 

 

 

1.2.3.1 Sonderangebote

 

Hier einige Stationen, die je nach Thema eingerichtet werden können:

 

wBesonders beliebt ist die Kreaktiv-Station. Hier können die Gäste Erinnerungen an die Botschaft der Thomasmesse basteln. Einmal war es ein „KeinAngstHase“, der fröhlich auf einem Trampolin hüpft und von großen Händen gehalten wird – symbolisch für die Hände Gottes. Ein andermal konnte man sich eine „Dankspardose“ basteln, um dort in der kommenden Zeit Zettel mit schönen Ereignissen und Erlebnissen einzuwerfen, damit die Erinnerung daran in schweren Zeiten abrufbar ist. – Diese Station ist die niederschwelligste und wird von den besonders intensiv eingeladenen Konfis und anderen Jugendlichen gerne in Anspruch genommen, aber auch von Familien mit Kindern, so dass  sich eine zusätzliche Kinderbetreuungsstation auf Dauer als überflüssig erwiesen hat.

 

wBei kritischen Themen ist es das Forum, das schriftliche Diskussionen ermöglicht, häufig in Form eines Tisches, dessen Tischtuch beschreibbar ist. Diskussionsmaterial, das das Team zusammengesucht hat, liegt aus oder wird an der Wand präsentiert.

 

wBesondere Erlebnisorte: Mal konnte man eine Kammer betreten, die innen von goldfarbenen Rettungsdecken ausgekleidet war. Ein andermal standen Liegestühle und alkoholfreie Cocktails zur Verfügung. Oder die Gefängniszelle Dietrich Bonhoeffers war nachempfunden; man konnte sich auf eine Pritsche hinlegen und einige von Bonhoeffers Gedanken nachlesen, die an die Decke projiziert wurden. Oder ein großer mittelalterlicher Taufkumpf war mit Decken ausgestopft; man konnte sich hineinlegen und sah auf einer Projektionsfläche eine Taube herabsteigen als eine sinnenfällige Form der Tauferinnerung.

 

wMeditation: Beispielsweise werden aus biblischen Erzählfiguren nach Doris Egli Szenen gestellt – oder unterschiedliche menschliche Haltungen. Die Plastik „Das Wiedersehen“ (Jesus und Thomas) von Ernst Barlach, die wir für die Thomaskirche angeschafft haben, kommt immer wieder an einer Meditationsstation zum Einsatz.

 

 

 

1.2.4 Der dritte Teil: Fürbitten, Abendmahl, Segen

 

Der dritte Teil der Thomasmesse ist zunächst den Fürbitten gewidmet. Die Feier des Heiligen Abendmahls sodann ist auf die wichtigsten Elemente beschränkt: Eine sehr kurze Verkündigung stellt den Zusammenhang zwischen dem Thema und der Eucharistiefeier her. Es folgen das Lobgebet, das Sanctus – regelmäßig in Form des Liedes „Du bist heilig, du bringst Heil“[24] –, das Vaterunser, die Einsetzungsworte, die Einladung, die Austeilung in Form der Wandelkommunion, das Dankgebet und ein Lied.

 

Im Hinblick auf das Heilige Abendmahl ist die Frage diskutiert worden,[25] ob es in einem Gottesdienst für „Suchende und Zweifler“, unter denen ja zumindest potenziell und absichtsvoll auch Ungetaufte sind, seinen Platz haben sollte. Auch die überarbeitete Lebensordnung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau[26] lässt hier einen großen Spielraum, was die Einladung an Ungetaufte angeht. Wir haben indes gute Erfahrungen gemacht mit einem ebenso klärenden wie einladenden Hinweis auf den Handzetteln in allen unseren Abendmahlsgottesdiensten.[27]

 

Nach den Informationen und dem Dank an die Mitwirkenden steht am Ende vor dem musikalischen Ausklang die Sendung in den Alltag unter dem Segen Gottes, auf den hin wir uns – entsprechend der Liturgie der Jesus-Bruderschaft – gegenseitig zusprechen: „Und wohin wir gehen, dahin kommt nun auch der Herr.“

 

 

 

1.2.5 Anschließendes

 

Für alle, die den Wunsch nach Gespräch, Rückfragen und Begegnungen haben, gibt es das „Café Tom“: ein kleiner Stehimbiss, der im Kirchenraum aufgebaut wird, während einzelne noch letzte Hand an der Kreaktivstation anlegen oder sich anschauen, was aus der Diskussion im Forum geworden ist. Ein nicht unbedeutender Teil von Gästen hat die Kirche nach der Thomasmesse verlassen; es bleibt naturgemäß verborgen, ob sie gerne mit dem Erlebten alleine sein möchten und es nicht zerreden möchten – oder ob sie einfach nur den „Tatort“ im Ersten anschauen möchten.

 

 

 

1.2.6 Noch einmal: Schönheit

 

In allem ist unser Bemühen, die Thomasmesse schön zu gestalten. Dabei ist mir sehr wohl bewusst, dass es nicht mehr das Schönheitsideal gibt, zumal in einer Zeit, da für viele „der Horizont weggewischt“ ist.[28] Über Ästhetik lässt sich streiten – oder eben nicht. In der Thomasmesse – vielleicht mehr noch als in vielen anderen (Zweit-)Gottesdienstformen – liegt indes die Chance, die Ästhetik des Gottesdienstes immer ein wenig zu variieren – und dabei zu riskieren, dass es mal jemandem nicht (so) gut gefällt wie in einer früheren Thomasmesse.

 

 

 

 

 

2. Erstes Charakteristikum der Thomasmesse: Die Offenheit

 

 

 

Zwei Charaktieristika der Thomasmesse möchte ich hervorheben, zuerst die Offenheit. Zugegeben, bei einer Liebeserklärung zwischen Menschen wird einer kaum die Offenheit des anderen loben; bei der Thomasmesse ist sie geradezu das Herzstück, bzw. – wenn man überdies an die Freiheit (siehe Punkt 3) denkt – die eine der beiden Herzkammern dieser Gottesdienstform.[29]

 

 

 

2.1 Offenheit für verschiedene Traditionen und Konfessionen

 

In der Thomasmesse sind von Anfang an unterschiedliche Traditionsströme zusammengeflossen; freilich sind die jeweiligen Anliegen nie exklusiv auf die jeweilige Tradition zu reduzieren.

 

wAus der evangelischen Tradition stammt die Hochschätzung des verkündigten Wortes. Sie hat im ersten Teil ihren Raum, wenn das Wort an alle ergeht, aber auch im Offenen Teil, wenn z. B. Einzelne ein Wort an der Segensstation zugesprochen bekommen.

 

wDass der Fokus nicht zuerst auf eine Gemeinde gerichtet ist, sondern auch auf Einzelne in ihrer besonderen Situation, entspricht dem Proprium des Pietismus und der Erweckungsbewegung. So war eine Großevangelisation mit Billy Graham 1987 in Helsinki der Anlass, eine angemessene Gottesdienstform zu entwickeln für die, die dort zum Glauben gefunden hatten.[30]

 

wDas Anliegen der charismatischen Bewegung wird im Lobpreis aufgenommen, im Segnen und Salben sowie in der persönlichen Fürbitte. In ihr ist der eine Gründer der finnischen Ur-Thomasmesse zuhause: Olli Valthonen; überdies ist er von Hause aus Journalist.[31]

 

wEin postmodernes Anliegen ist die Erlebnisorientierung, das Sinnenfällige und die Freiheit sowie die Einbeziehung des Leibes, der nicht nur sitzt oder steht, sondern eben auch unterwegs ist und mit allen Sinnen wahrnimmt.[32]

 

wAus der liturgischen Bewegung und der Orthodoxie stammt die Hochschätzung der Eucharistie, von Taizé-Gesängen, von Kerzen und Tragekreuzen. Der zweite Gründer in Helsinki ist Miikka Ruokanen, der sich als Professor für Systematische Theologie besonders der ökumenischen Theologie zuwendet.[33]

 

wAls diakonisches Moment sind zum einen die Fürbitten zu verstehen, die ja in doppelter Weise – als Station im Offenen Teil und zu Beginn des wieder gemeinsam erlebten dritten Teils – zum Tragen kommen, und zum anderen die Kollekte.

 

So verwundert es nicht, dass viele Thomasmessen in ökumenischer Verantwortung stattfinden, was ja in der nachchristlichen Ära ein Hoffnungszeichen ist.

 

 

 

2.2 Offenheit für Postmoderne

 

Besonders schwer hat es die Kirche, die klassisch auf die Prämodernen fixiert ist und sich seit Jahrzehnten erfolgreich auf die Modernen eingestellt hat, nun auch die Postmodernen zu erreichen.[34]

 

Die Zielgruppe für die Thomasmesse hat Jörg Gunsenheimer so umschrieben: „Das Hauptaugenmerk der ThomasMesse gilt Menschen, die in der ‚klassischen‘ Gottesdienstkultur nicht mehr beheimatet sind; die in Distanz zur Kirche als Institution getreten, aber religiös ansprechbar geblieben sind; die spirituelle Erfahrungen jenseits der vielen Worte suchen und auf dem religiösen Markt […] ausprobieren, was ihnen weiterhilft.“[35]

 

Postmodernen ist die Wort- und Textlastigkeit in Gottesdienst und Gemeinde allgemein suspekt; dies verbinden sie mit Langeweile, die sie scheuen.[36] Mit ihren relativ kurzen Sequenzen und mit ihrem Abwechslungsreichtum hat die Thomasmesse gerade ihnen etwas zu bieten.[37]

 

Postmoderne haben – zu Recht, wie Heinzpeter Hempelmann plausibel macht – eine Skepsis gegenüber der Vorherrschaft der Vernunft und suchen Erlebnisse mit allen Sinnen;[38] dem kommt die Thomasmesse durch Raumgestaltung, Meditationsorte, Begegnungsorten mit Wasser (Beichte/Tauferinnerung), mit Handauflegung, Salbung, Abendmahl u.v.a. entgegen.[39]

 

Zum Leben Postmoderner gehört die Inszenierung.[40] Hier kann im Rahmen der Thomasmesse besonders der Einsatz der Bibliolog-Methode ein Angebot sein, für einen Moment eine Position einzunehmen und auszuprobieren, wie weit der Wahrheitsgehalt trägt.[41]

 

Postmoderne haben überdies eine Scheu, sich an Gemeinden und Gemeinschaften zu binden. Was für Prämoderne und vielleicht auch für Moderne ein Monitum ist,[42] ist im Blick auf Postmoderne ein Pfund, mit dem die Thomasmesse wuchern kann: Sie hat zwar eine oder mehrere Gemeinden im Hintergrund, zu deren Angeboten sie einladen kann. Aber sie hat keine ausdrückliche Zubringerfunktion. Sie lebt, wie Rolf Sturm es beschreibt, „von einem Bild der Kirche als ‚Herberge am Wege‘. Sie bietet einen Haltepunkt an, in ihr kann man ‚Gastfreundschaft erfahren‘, ohne gleich vereinnahmt zu werden. Sie hütet sich so davor, Herrin über den Glauben der Menschen sein zu wollen.“[43]

 

Entsprechend heißt es im Bremer Erfahrungsbericht: „Aus eigenen Beobachtungen wissen wir, daß viele kirchliche Mitarbeiter und auch Ehrenamtliche, die bisher keine geistliche Beheimatung in einer Gemeinde hatten, in der ThomasMesse einen Ort gefunden haben, an dem sie eine ihnen entsprechende Form gefunden haben, ihre Spiritualität zu leben bzw. zu finden. Ein Teil der Gäste kommt regelmäßig und z.T. ausschließlich zur ThomasMesse. Immer wieder ist die ThomasMesse aber auch eine Heimat auf Zeit. Sie ist in einer Situation, die mit Umbrüchen und Neuorientierungen verbunden ist, eine wichtige Hilfe und wird nach durchgestandener Durststrecke nicht mehr ‚gebraucht‘. Gesucht wird die Anonymität. Manch einer nimmt auch darum einen weiten Weg (Wallfahrt?) gern in Kauf.“[44]

 

Mit einem anderen Bild ausgedrückt: Eine Thomasmesse bietet den Gästen die Möglichkeit der Begegnung mit dem Gott, der in dieser Welt sein Zelt aufgeschlagen hat (Joh 1,14).[45]

 

 

 

3.3 Offenheit für alle Basismentalitäten

 

Obwohl sie eine Nähe zu Postmodernen erkennen lässt, erweist sich die Thomasmesse doch als offen für das Individuum mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen in den grundverschiedenen Mentalitätsstrukturen und gerät damit in die Nähe der altkirchlichen Gemeindewirklichkeit: Das Christentum war „offen für alle. Es machte grundsätzlich keine sozialen Unterschiede. Der Handwerker, der Sklave, der Ausgestoßene, der ehemalige Verbrecher – alle fanden Anerkennung“.[46]

 

Wenn in den ersten Jahrhunderten „die umfassende Bewegung der Liebe, die ihren Ursprung in der schrankenlosen Zuwendung Jesu zu allen Menschen hat“ das anziehende Moment des Christentums war,[47] so gehört es zum Anspruch der Thomasmesse, dass sich dies in der Haltung des Teams gegenüber den Gästen widerspiegelt.

 

Ein Beispiel für die Offenheit für alle Basismentalitäten sind Möglichkeiten, das Beten einzuüben.[48] Moderne werden eine größere Nähe zur Klagemauer haben und zu den Fürbitten; Postmoderne werden ausprobieren wollen, ob das Herzensgebet[49] wirklich „funktioniert“, das ja aus vormodernen Zeiten stammt – und auch für heutige Prämoderne interessant ist, die alle modernen Gegenargumente gegen das Beten und die Frömmigkeit leid sind.

 

Allerdings wäre es auch verfehlt zu behaupten, die Thomasmesse wäre „everybody’s darling“.[50] Es gibt durchaus Vorbehalte bei denen, die diese Gottesdienstform mit ihrer Offenheit und Freiheit in Vergleich setzen zu gewohnten und geliebten Gottesdiensten. Ein Besucher entrüstete sich: „Ich komme nicht mehr! Es geht hier ja zu wie auf einem Jahrmarkt.“ Hintergrund war die Unruhe, die tatsächlich rund um die Kreaktivstation möglich ist und die vor allem dann entsteht, wenn sich einzelne Gäste die Freiheit zu Begegnung und Gespräch nehmen. Allerdings haben wir bewusst darauf verzichtet, eine Lounge außerhalb des Gottesdienstraums einzurichten.

 

Holger Eschmann verwendet ebenfalls den Begriff des Jahrmarktes, obgleich seine Erfahrungen gegenteilig sind: „Was sich in der Aufzählung wie ein bunter Jahrmarkt anhört, hat in der großen Kirche so viel Platz, dass insgesamt eine ruhige, meditative Grundstimmung vorherrscht.“[51]

 

So wird die Thomasmesse den Platz nicht einnehmen können, den der Gottesdienst am Sonntagmorgen einstmals hatte, indem er alle Gemeindeglieder gleichermaßen zufriedenstellte. Die Milieuforschung hat plausibel gemacht, dass wir uns darauf einrichten müssen, dass bis auf weiteres alle Milieus nebeneinander existieren und die Kirche entsprechend vielfältige gottesdienstliche Formen vorhalten muss, wenn sie denn auf vielerlei Weise einige erreichen will (vgl. 1Kor 9,22). Gleichzeitig hat Michael Herbst unbedingt recht, wenn er daran erinnert: „Vitale Gemeinden zeichnen sich nach einer englischen Studie dadurch aus, dass sie nur weniges tun, das aber sehr gut.“[52]

 

Die besondere Chance der Thomasmesse liegt zum einen darin, mehr Milieus mit einem Angebot anzusprechen, als dies andere Gottesdienstformen zu tun vermögen und dadurch – wie durch die ökumenische Gestaltung – die Einheit des Leibes Christi widerzuspiegeln.

 

Zum anderen ist der kritisierte Charakter des Marktes[53] durchaus gewollt und entspricht damit unserer Wirklichkeit, in die hinein sich unser Gott ja ausdrücklich erniedrigt hat! Denn der eine Anspruch der Thomasmesse ist, die Wahrheit niemandem überzustülpen, sondern sie auf unterschiedliche, aber immer frische Weise anzubieten, ja, anzupreisen (vgl. 2Kor 5,20: „… bitten wir …“!) und den Gästen zu überlassen, wo und wie intensiv sie zugreifen – eben wie Händler ihre frischen Angebote auf einem Wochenmarkt darbieten. Darüber hinaus besteht der andere Anspruch, dass die Gäste viele gute Erfahrungen machen, die Wahrheit des Evangeliums erleben und sie in ihrem Alltag ausprobieren – hier liegen die Erlebnisangebote auf einem Jahrmarkt nicht ganz fern. In diesem Sinne wirbt die Thomasmesse in Hannover mit dem Slogan: „Ein Vorgeschmack des Himmels – ob du es glaubst oder nicht!“[54]

 

Heinzpeter Hempelmann fragt: „… wo ist Gemeinde als Lern- und Lebensgemeinschaft von Menschen mit unterschiedlichem Lebensalter, unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlicher kultureller Prägung real?“[55] Ich meine, dass gerade die Thomasmesse verheißungsvolle Ansätze bietet! Ähnlich sieht es Rolf Sturm: „Die Thomasmesse praktiziert im Kleinen die ‚versöhnte Verschiedenheit‘ […]. Sie ‚schafft‘ es, Einheit zu stiften, ohne Einheitlichkeit zu verordnen, sowohl im Kreis der Mitarbeitenden als auch unter den Feiernden insgesamt. Sie begreift Kirche nicht primär über Ab- und Ausgrenzung durch (lehrmäßige) Definitionen, sondern von ihrer (unverfügbaren) Mitte her. Weil sie diese immer wieder (auf-)sucht, kann sie sich ihre Offenheit getrost leisten.“[56]

 

 

 

2.4 Offenheit für Themen und Ideen

 

Die Thomasmesse stellt sich als verlässlicher Rahmen dar, in dem eine große Bandbreite an Themen Raum findet. Einige dieser Themen sind ja schon genannt worden. Sie sind im persönlich-seelsorglichen Bereich anzusiedeln (z. B. „Taufe ist doch nur was für Babys, oder?“) oder im Bereich der Apologetik (z. B. „Gott, der größte Schwindel aller Zeiten?“). Dabei geht die Bemühung des Teams immer dahin, ein Thema nach verschiedenen Seiten hin zu öffnen, dass beispielsweise zum Stichwort „Freiheit“ sowohl die seelsorgliche als auch die politische Dimension zum Tragen kommt.

 

 

 

2.5 Offenheit für verschiedene Begabungen

 

Alle Thomasmesseninitiativen zeichnen sich dadurch aus, dass sie von Teams verantwortet werden, die mehrheitlich aus engagierten Gemeindegliedern bestehen. Die Einsetzung des Abendmahls wird von Ordinierten vorgenommen. Ob ihnen der Segen vorbehalten ist, darüber entbrennen gelegentlich Diskussionen. Auf jeden Fall hat sich eine Schulung für Segnende als notwendig erwiesen.[57]

 

Innerhalb des Teams ist eine Differenzierung möglich zwischen Teamern, die die Vorbereitungen von Anfang an begleiten und inhaltliche Verantwortung tragen, und solchen, die diese beim Aufbauen und/oder Abbauen unterstützen sowie bei kleineren Aufgaben, zu deren Bewältigung man die Vorbereitung nicht unbedingt miterlebt haben muss.

 

Bei uns ergeht in jeder Thomasmesse – mindestens schriftlich im Flyer – die Einladung, das Team zu ergänzen. Da im Lauf der Jahre viele Jugendliche und junge Erwachsene zum Team gehörten, hat es schon dadurch eine deutliche Fluktuation gegeben, die auf diese Weise abgefedert werden konnte – bzw. als sie nicht mehr abgefedert werden konnte, haben wir für ein Jahr pausiert. Die Schwelle zur Mitarbeit wie auch die gemeinsame Vorbereitungszeit halten wir möglichst niedrig; wir benötigen inzwischen nur ein, höchstens zwei Vortreffen. Intensiver wird dies etwa in Nürnberg gestaltet, wo sich das Team monatlich trifft und auch Klausurtagungen veranstaltet.[58]

 

Fördern nicht aber Eventgottesdienste[59] eine Konsumhaltung, sodass „kein mündiger und widerstandsfähiger Glaube“ wächst?[60] Dieser berechtigte Einwand trifft m. E. die Thomasmesse nicht in demselben Maß wie andere Gottesdienstformen, eröffnet sie doch die Möglichkeit, im Gottesdienst aktiv zu werden, auch ohne zum Team zu gehören. Darüber hinaus besteht, wie gesagt, die Einladung, in individuell unterschiedlicher Intensität im Team mitzuarbeiten, Nachfolge kennen zu lernen und Glauben aktiv einzuüben.[61] Wenn Michael Herbst die Zukunft der Kirche auch darin sieht, dass „Tiefgänger“[62] begleitet und gefördert werden, so liegt in der Mitarbeit an der Thomasmesse eine besondere Chance.

 

 

 

2.6 Offenheit für die Wahrheit in Person

 

„Hoffnung finden wir […] da, wo wir uns auf die Kraftquelle besinnen, aus der die ersten Christen und auch gegenwärtig in der Dritten Welt lebende Kirchen schöpfen: aus der direkten, lebendigen Anschauung Christi, aus der Wahr-Nehmung der Zuwendung Gottes zu seinen Menschen in diesem Christus, aus der Beziehung, in die er zu uns auch heute eintreten, sich uns vergegenwärtigen und unserem Leben Gestalt geben will.“[63] In diesem Sinne ist in vielen Thomasmessen Jesus Christus der Flucht- und Zielpunkt, vom Taizékreuz, das hereingetragen wird, über zahlreiche Christus- und besonders Kreuz-Momente im Stationenangebot bis hin zum Abendmahl. Die Thomasmesse will ganzheitlich erlebbar machen, dass Christus den Menschen zugewandt ist. Sie lädt ein, sich Christus zuzuwenden, das Leben mit ihm zu gestalten und dabei einen Mehrwert an Leben und Hoffnung zu erfahren.

 

Daraus ergibt sich dann die Offenheit für Transformation.

 

 

 

2.7 Offenheit für Transformation

 

Auch das ist ein Einwand gegen Eventgottesdienste, dass sie zur Konsumhaltung führten nicht aber zur Transformation: „Es fehlt die Präsentation eines Christseins, das deshalb attraktiv ist, weil es das Leben transformiert und weil es eine Alternative zum konsumorientierten Lebensstil darstellt.“[64] Aus Rückmeldungen ist indes dokumentiert, dass zumindest ein kleiner Teil der Besucher dies in der Thomasmesse anders erlebt hat.[65] Ich selbst habe Thomasmessen mitgefeiert, in denen heilsame Tränen geflossen sind und nach denen mir Gäste von erhörten Gebeten erzählt haben.[66] Von daher gebe ich Johannes Eißler recht: „Die Thomasmesse lebt darum viel weniger von Show und Performance als viele andere ‚Sondergottesdienste‘ oder sogenannte ‚Zweitgottesdienste‘“.[67]

 

Die höchste Form der Transformation und damit die nachhaltigste Wirkung eines Gottesdienstes ist der Weg in die Nachfolge.[68] Das können Gemeinden natürlich nicht machen, aber es ist doch die Herausforderung, vor der sie stehen, wie in allen Gottesdiensten, so auch in der Thomasmesse. Eine Form, dies haptisch umzusetzen, geschieht in unseren Thomasmessen in Form von Giveaways, die die Botschaft in den Alltag vermitteln, oder in Form von Erinnerungsstücken, die die Gäste an der Kreaktivstation selbst herstellen.[69]

 

 

 

 

 

3. Das zweite Charakteristikum der Thomasmesse: Die Freiheit

 

 

 

Neben der Offenheit ist es auch die Freiheit, die mich für die Thomasmesse einnimmt. Zwar ist Gal 5,1 ein evangelischer Grundsatz: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Aber wo in der Gottesdienstgestaltung oder auch in der Religionspädagogik gewinnt dieser Grundsatz Gestalt in der Einheit von Form und Inhalt?[70] In der Religionspädagogik ist es die Freiarbeit, in Anlehnung an Maria Montessori.[71] Und in der Gottesdienstgestaltung hat an dieser Stelle m. E. die Thomasmesse geradezu ihr Alleinstellungsmerkmal! Die einzige Freiheit, die den Gästen sonstiger Gottesdienste eröffnet wird, besteht darin sie zu besuchen oder nicht, mitzusingen oder nicht, aufzustehen oder sitzen zu bleiben, zuzuhören oder abzuschalten – aber sonst gibt man die Freiheit an der Schwelle in einem hohem Maße ab. Anders ist es bei der Thomasmesse.

 

 

 

3.1 Wahlmöglichkeiten im Offenen Teil

 

Die Gäste haben im Offenen Teil die Freiheit, die Stationen auszuwählen, die ihnen im Augenblick am nächsten sind – oder auch nur eine einzige. Sie können sich unbeobachtet den Stationen nähern und darüber nachdenken, ob das etwas für sie ist, zu beichten oder an der Klagemauer einen Protestbrief an Gott zu schreiben. Sie können auf unterschiedliche Weise meditieren. Sie können über persönliche Sorgen und Nöte sprechen und sich segnen lassen. Und sie können gestalterisch aktiv werden, wenn sie ihr persönliches Andenken an die Botschaft der Thomasmesse basteln, um sie auf diese Weise im Alltag nachklingen zu lassen. Sie können auch einfach nur ruhen.

 

So lässt die Thomasmesse zumindest im Stationenteil viele Wahlmöglichkeiten. Darin ist sie ein Spiegel unserer Multioptionsgesellschaft. Gleichzeitig gibt es durch Flyer und Überleitung Hilfen, mit der Fülle von Optionen umzugehen, ohne davon erschlagen zu werden.

 

 

 

3.2 Gestaltungsfreiheit

 

Nicht zu unterschätzen ist die Gestaltungsfreiheit, die das Team hat, unterschiedlichste Ideen im Rahmen der Thomasmesse umzusetzen. Die Grenzen sind nur (1) durch den absoluten Respekt gleichermaßen vor den Gästen wie vor dem Herrn der Kirche gesetzt, (2) durch das evangelische Profil der Thomasmesse und (3) durch die Machbarkeit. Finanzielle Hürden konnten bisher immer irgendwie beseitigt werden, auch durch großzügige Einzelspenden.[72]

 

 

 

 

 

4. Kurze Zusammenfassung

 

 

 

Dass mein Herz, was Zweitgottesdienste angeht, besonders für die Thomasmesse schlägt, wollte ich mit meinen Ausführungen deutlich machen und begründen: Auf dem Boden v. a. volkskirchlicher Gemeinden ist eine Gottesdienstform entstanden, die unterschiedliche Grundanliegen aufnimmt und miteinander verbindet, darunter das Vertrauen auf das Wirken des biblischen Wortes und das Einüben persönlicher Frömmigkeit. Und gerade damit werden nun erstaunlicherweise nicht nur prämoderne Menschen erreicht, die zu traditionellen Erscheinungsformen der Kirche eine Affinität haben, sondern auch postmodern orientierte! – Ob das der Grund ist, warum sich die einzelnen Thomasmessen-Initiativen erstaunlich lange halten – verglichen mit anderen Zweitgottesdiensten?[73]

 

 

 

 

 

5. Zum Schluss: Ein persönlicher Eindruck

 

 

 

Abschließend möchte ich noch einen sehr persönlichen Eindruck formulieren, den ich in der Literatur nirgendwo gefunden habe, der in einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema wohl kaum zur Sprache kommen wird, der aber vielleicht im Rahmen einer Liebeserklärung einmal ausgesprochen werden darf: Kaum sonst vor Gottesdiensten erlebe ich so deutliche innerliche und/oder äußerliche Spannungen und Schwierigkeiten wie im Vorfeld einer Thomasmesse, zuweilen auch im Nachherein. Dass eine Thomasmesse eine große Herausforderung an alle im Team stellt, ist bereits angeklungen – und das ja immer auch neben den Anforderungen des beruflichen wie privaten Alltags. Darüber hinaus deuten manche Konflikte im Team darauf hin, dass wir es immer auch mit dem zu tun haben, was ich theologisch als Anfechtung zu qualifizieren hilfreich und weiterführend finde. Wenn das stimmt, dann sind wir allerdings mit der Thomasmesse auf einem guten Weg, im Sinne des Jakobusbriefs: „Erachtet es für lauter Freude, wenn ihr in mancherlei Anfechtungen fallt.“ (1,2).

 

Wie eine Beziehung, die durch Anfechtungen bewährt ist, einen besonderen Wert hat, so ist dieser persönliche Aspekt ausdrücklich ein Teil meiner Liebeserklärung an eine Gottesdienstform, an die Thomasmesse. Oder wie es – mit einem viel weiteren Horizont – Heikki Kotila formuliert: „Keine neue Messe löst die Krise, in der sich der Gottesdienst zur Zeit befindet und mit der die Kirche leben muss. Doch ist die Thomasmesse ein Zeichen dafür, dass mitten in einer Krise neues Leben sprießen und wachsen kann.“[74]

 

 

 

 

 

Zusammenfassung

 

In Form einer Liebeserklärung werden die Besonderheiten der Thomasmesse geschildert und gegenüber anderen Gottesdienstformen profiliert: Zum einen die Offenheit für verschiedene Traditionen und Konfessionen, für verschiedene geistliche Bedürfnisse, insbesondere für Postmoderne und für Transformationsprozesse. Zum anderen die Freiheit in der Wahl von Stationen und in der Gestaltung. So liegen in der Thomasmesse besondere Chancen, Menschen in die Begegnung mit Christus einzuladen.

 



[1] Vgl. Heikki Kotila: Die Thomasmesse. Eine finnische Volksbewegung zur Erneuerung des gottesdienstlichen Lebens. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie 38 (1999), 65–87. Hier wird die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte nachgezeichnet.

[2] Vgl. Cla Reto Famos: Die Thomasmesse in der Schweiz, in: Irene Mildenberger/Wolfgang Ratzmann (Hg.), Jenseits der Agende. Reflexion und Dokumentation alternativer Gottesdienste, Leipzig 2003, 207–216.

[3] Vgl. z. B.: Günter Arnold/Katja Holtz: Thomasmesse im ländlichen Bereich. Informationen, gegeben auf der Jahrestagung der Liturgischen Konferenz Niedersachsens am 27. Juni 2000. In: Für den Gottesdienst, Heft 56 (2000), 22f.

[4] An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an Pfarrerin Margit Zahn (Hanau) vom Netzwerk, die mich bei der Literaturrecherche unterstützt hat.

[5] Susanne Thiesen/Horst Gripentrog: Thomasmesse. Studienbrief A 46 der Arbeitsgemeinschaft missionarischer Dienste, Berlin 1995, in: Brennpunkt Gemeinde 3/1995, 7.

[6] Vgl. dazu den Zeitschrifteninhaltsdienst Theologie der Universität Tübingen: www.ixtheo.de nach Eingabe des Stichworts „Thomasmesse“.

[7] Sofern sie mir bekannt waren, habe ich die Beiträge für diesen Aufsatz verwendet; für weitere Hinweise bin ich dankbar.

[8] Tilmann Haberer: Die ThomasMesse. Ein Gottesdienst für Ungläubige, Zweifler und andere gute Christen.  München 2000 (²2002).

[9] Evangelisches Gottesdienstbuch – Ergänzungsband. Berlin 2002, 113–115.

[10]Reinhard Fiola: Rituell-vergewissernd – Thomasmesse, in: Lutz Friedrichs (Hg.): Alternative Gottesdienste (gemeinsam gottesdienst gestalten, Bd. 7), Hannover 2007, 66–79.

[11] Michael Herbst: „Event-ualität“ – Neue Normalität in Gemeinde und Kirche? Festvortrag aus Anlass der Verleihung des Sexauer Gemeindepreises am 5. Januar 2013. In: ThBeitr 44 (2013), 202–217, 207.

[12] Vgl. grundlegend Heinzpeter Hempelmann: Gott im Milieu. Wie Sinusstudien der Kirche helfen können, Menschen zu erreichen. Gießen 2012. Ders.: Prämodern, Modern, Postmodern. Warum „ticken“ Menschen so unterschiedlich? Basismentalitäten und ihre Bedeutung für Mission, Gemeindeaufbau und Kirchenleitung. Neukirchen 2013.

[13] Video „Thomasmesse – Fest des Glaubens“ aus der Agricola-Kirche Helsinki, einstmals zu beziehen durch das Gemeindekolleg der VELKD in Celle; vgl. Miikka Ruokanen: Die Thomasmesse in Helsinki. In: ZMR 83 (1999),177–180.

[14] Internetauftritt www.thomasmesse-dautphetal.de. Vgl. Erlebnis-Liturgie. Besonders gestaltete Gottesdienste wirken über die Kirchenmauern hinaus, in: Jahresbericht der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Zahlen und Bilder aus den Jahren 2004/2005, Darmstadt 2005, 25–27; http://gottesdienstprojekt.jimdo.com/neue-gottesdienstformen/thomasmesse/ (Zugriff 13. 11. 2014).

[15] Sinus-Daten von 2007. Zum Profil der Gemeinde vgl. www.martinsbote.de.

[16] Jörg Gunsenheimer: Thomasmesse – für die Seele – für die Sinne. In: ZGP 18 (2000), 43-46.

[17] Grundlegender Impuls war dabei der Buchbeitrag von Stefanie Betz: Die offene Phase der Thomasmessse, in: Werkstatt Jugendgottesdienst. Ideen, Anregungen, Modelle, herausgegeben von Mechthild Bangert, Roland Schwarz und Christine Tröger, Gütersloh 1998, 93–96.

[18] Vgl. L. Friedrichs: Alternative Gottesdienste, wie Anm. 10.

[19] Z. B. Werner Tiki Küstenmacher: Kirche – Find ich gut. 60 gute Gründe in der Kirche zu bleiben. München 1997.

[20] Weibliche und männliche Teamer sind gleichermaßen engagiert, auch Menschen mit körperlicher Einschränkung sind darunter. Nur um der Lesbarkeit willen, wird hier die männliche Form genannt; die weibliche ist stets mit gemeint.

[21] Vgl. Uta Pohl-Patalong: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 1: Grundformen, Stuttgart ³2013; Uta Pohl-Patalong/Maria Elisabeth Aigner: Bibliolog. Impulse für Gottesdienst, Gemeinde und Schule. Band 2: Aufbauformen. Stuttgart ²2012.

[22] Vgl. Reiner Braun: Impulse zur Erneuerung der Beichte durch meditative Formen. In: Peter Zimmerling (Hg.): Studienbuch Beichte. Göttingen 2009, 314–328. Der Beichtzettel steht auf meiner Homepage zum Download bereit: http://reiner-braun.jimdo.com/autor-und-herausgeber/beichte/downloads/.

[23] H. Kotila: Die Thomasmesse, wie Anm. 1, 75f.

[24] Originaltext und Melodie: Per Harling. Deutsche Übersetzung: Fritz Baltruweit.

[25] Mündliche Information von Michael Herbst.

[26] http://www.kirchenrecht-ekhn.de/showdocument/id/18785 (Zugriff 13. 12. 2014), Nr. 127 u. 130.

[27] Vgl. Reiner Braun: Abendmahl an Ungetaufte? Brief an einen Kirchenvorstand. In: ThBeitr 38 (2007; Heft 4/5), 283–288.

[28] Zu dieser Formulierung Nietzsches vgl. Heinzpeter Hempelmann: „Wir haben den Horizont weggewischt“. Die Herausforderung: Postmoderner Wahrheitsverlust und chistliches Wahrheitszeugnis. Witten 2008, v. a. 68f.

[29] Vgl. auch S. Betz: Die offene Phase, wie Anm. 17, 96.

[30] T. Haberer: Die ThomasMesse, wie Anm. 8, 15.

[31] T. Haberer: Die ThomasMesse, wie Anm. 8, 16.

[32] Rolf Sturm: Die Thomasmesse – ein „alternativer Gottesdienst“? In: Irene Mildenberger/Wolfgang Ratzmann (Hg.): Jenseits der Agende? Reflexion und Dokumentation alternativer Gottesdienste, Leipzig 2003, 191-206, 204f.

[33] T. Haberer: Die ThomasMesse, wie Anm. 8, 17.

[34] Vgl. Heinzpeter Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums. Warum Kirche von der Postmoderne profitieren kann und Konkurrenz das Geschäft belebt, Gießen 2009.

[35] J. Gunsenheimer: Thomasmesse, wie Anm. 16, 45.

[36] Vgl. Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 47.

[37] Vgl. T. Haberer: Die ThomasMesse, wie Anm. 8, 45.

[38] Vgl. Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 55ff; 126f.

[39] Thomas Degenhardt/Henner Flügger: Die ThomasMesse im Bremer St. Petri Dom. http://www.thomasmessebremen.de/ThM_Sub/archiv/literat/praxisbericht.htm (Zugriff 18. 12. 2014).

[40] Vgl. Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 71ff.

[41] Diese Überlegungen will ich demnächst in einem eigenen Beitrag ausführlich darstellen.

[42] Vgl. S. Thiesen/H. Gripentrog: Thomasmesse, wie Anm. 5, 12.

[43] R. Sturm: Die Thomasmesse, wie Anm. 32, 206.

[44] T. Degenhardt/H. Flügger: Bremer Dom, wie Anm. 39, 6.

[45] Vgl. Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 140. Unsere Thomaskirche, die übrigens nach einer Umfrage in der Gemeinde ihren Namen zwei Jahre nach der ersten Thomasmesse erhalten hat, weist mit dieser theologischen Begründung ein Zeltdach auf, das auch im Innenraum als solches wahrnehmbar ist.

[46] Eric R. Dodd: Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst. Aspekte religiöser Erfahrung von Marc Aurel bis Konstantin. Frankfurt a. M. 1992 (stw; 1024), 114f. Zitiert nach Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 95ff – vgl. zum Individualismus auch 124ff.

[47] Vgl. Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 97.

[48] T. Degenhardt/H. Flügger: Bremer Dom, wie Anm. 39, 2.

[49] Vgl. z. B. Klaus Douglass: Beten. Es gibt mehr Möglichkeiten, als du denkst. Asslar 2014, 85–91.

[50] Vgl. dazu R. Sturm: Die Thomasmesse, wie Anm. 32, 191f.

[51] Holger Eschmann: „Ein Gottesdienst für Zweifler und andere gute Christen“. Vom Segen der Thomasmesse. Ein Erfahrungsbericht. In: Una Sancta 58 (2003), 216–224, 216.

[52] M. Herbst: „Event-ualität“, wie Anm. 11, 209.

[53] Vgl. positiv dazu Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 36ff.

[54] S. Thiesen/H. Gripentrog: Thomasmesse, wie Anm. 5, 9.

[55] Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 65.

[56] Vgl. dazu R. Sturm: Die Thomasmesse, wie Anm. 32, 206. Zum letztgenannten Gedanken s. u. 2.6.

[57] H. Eschmann: „Ein Gottesdienst“, wie Anm. 51, 223.

[58] So in Nürnberg, zumindest um das Jahr 2000, siehe J. Gunsenheimer: Thomasmesse, wie Anm. 16, 44.

[59] M. Herbst: „Event-ualität“, wie Anm. 11, 204: „Das Event schafft ein besonders intensives Erleben, es bietet emotionale Berührung, es erlaubt Beteiligung, es entführt aus dem Alltäglichen ins Besondere und gibt dem Einzelnen das Gefühl gesteigerter Lebendigkeit, es ist professionell gestaltet und bis ins Detail gut inszeniert. Als das Außerordentliche wird es aber nicht alltäglich …“

[60] Diskutiert von M. Herbst: „Event-ualität“, wie Anm. 11, 210.

[61] Vgl. besonders H. Kotila: Die Thomasmesse, wie Anm. 1, 84.

[62] M. Herbst: „Event-ualität“, wie Anm. 11, 216: „Tiefgänger sind nicht die Extra-Frommen, sondern Menschen, die gerne an sich arbeiten, um das Leben in der Nachfolge einzuüben.“

[63] Hp. Hempelmann: Nach der Zeit des Christentums, wie Anm. 34, 102.

[64] M. Herbst: „Event-ualität“, wie Anm. 11, 211.

[65] H. Eschmann: „Ein Gottesdienst“, wie Anm. 51, 218.

[66] Eine lohnende Aufgabe wäre die Auswertung von Umfragen und Gästebüchern der einzelnen Initiativen; H. Eschmann hat es für Reutlingen vorgemacht, vgl. H. Eschmann: „Ein Gottesdienst“, wie Anm. 51, 218.

[67] Johannes Eißler: Zweifel sind erlaubt. Die aus Finnland stammende Thomas-Messe spricht auch Kirchendistanzierte an. In: Lebendige Seelsorge 51 (2000), 55–57, 57.

[68] M. Herbst: „Event-ualität“, wie Anm. 11,  213.

[69] Beispiele siehe unter www.thomasmesse-dautphetal.de.

[70] Interessant ist der Befund, dass die RGG4 zum Stichwort Freiheit nicht weniger als neun Unterartikel aufweist, aber keinen praktisch-theologischen! Vgl. dagegen nur LexRP 1 (2001), 612–618!

[71] Horst Klaus Berg: Freiarbeit im Religionsunterricht. Konzepte, Modelle, Praxis. Stuttgart/München ³2003.

[72] Anregend fand ich die Idee aus Nürnberg, ein Drittel der Kollekte zur Deckung der Kosten für die Thomasmesse zu verwenden, siehe J. Gunsenheimer: Thomasmesse, wie Anm. 16, 44.

[73] Wünschenswert und sicher verheißungsvoll wäre nicht nur in dieser Hinsicht eine wissenschaftliche Untersuchung der unterschiedlichen Thomasmessen-Initiativen.

[74] H. Kotila: Die Thomasmesse, wie Anm. 1, 86.